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EU-Konferenz Pharmazeutische Innovation - Grundsatzrede Higgins

Sehr geehrter Herr Minister,
Meine sehr verehrten Damen und Herren,

im Namen der forschenden Pharmaindustrie in Europa danke ich der portugiesischen EU-Ratspräsidentschaft – und insbesondere dem Minister für Gesundheit sowie Infarmed – für die Organisation einer so hochkarätigen Konferenz zu diesem wichtigem Thema.

Seit über 100 Jahren ist Europa ein Kraftzentrum der pharmazeutischen Forschung und Entwicklung. In Europa entwickelte innovative Medikamente haben einen Hauptanteil daran, dass Millionen Menschen ein längeres, gesünderes und produktiveres Leben führen können und Krankheiten ausgerottet worden sind, die früher lebensbedrohlich waren.

Die forschende Pharmaindustrie ist der bei Weitem größte Investor in der weltweiten Gesundheitsforschung und die wichtigste Quelle neuer, innovativer lebensrettender Arzneimittel in allen Krankheitsbereichen. Auf den Punkt gebracht: Ohne eine florierende Pharmaindustrie gäbe es keine neuen Medikamente.

Damit Europa das Ziel von Lissabon erreicht, nämlich der leistungsfähigste wissensbasierte Wirtschaftsraum der Welt zu werden, kommt der europäischen Pharmaindustrie eine Schlüsselstellung zu. Allein 2006 hat sie über 22 Milliarden Euro in F&E investiert – dies entspricht 18% der gesamten industriellen Forschung und Entwicklung in Europa – und sie hat rund 640.000 Menschen beschäftigt, von denen über 100.000 im F&E-Bereich tätig sind.

Das sind eindrucksvolle Fakten, auf die die Industrie zu Recht stolz ist. Doch verzeihen Sie mir, wenn ich frage: Wen interessiert’s?

Sicher, unsere Botschaft kommt nicht gut an, weil die Realität sich doch so zeigt, dass Europa an Boden verliert, während sich das Schwerpunktzentrum des pharmazeutischen Sektors von Europa in die USA und in Schwellenländer wie Indien und China verlagert.

Die EU-Mitgliedsstaaten scheinen ganz allgemein nicht bereit zu sein, pharmazeutische Innovationen zu unterstützen und zu honorieren. Allzu oft wird Innovation eher als Bedrohung für das Gesundheitswesen und nicht als Investition oder Motor für Wirtschaftswachstum wahrgenommen; dies halte ich letztendlich für extrem kurzsichtig.

Der Zugang zu neuen, innovativen Medikamenten verzögert sich für Patienten in Europa immer mehr, da Zulassungsverfahren länger dauern und komplizierter werden und sich das Gleichgewicht eher zur Risikovermeidung hin und nicht in Richtung klinischer Nutzen verschiebt.

Darüber hinaus machen es rasant steigende F&E-Kosten – in Verbindung mit Druck auf die Preise – für viele Pharmaunternehmen schwieriger, ihre F&E-Kosten vor dem Ablauf von Patenten wieder einzuspielen.

In Europa sind wir sehr stolz auf den freien Handel. Gleichzeitig verkennen wir, dass die Pharmaindustrie in Europa nicht in einem freien Markt agiert. Unsere Preise und die Kostenerstattung für unsere Produkte sind staatlich reguliert.

Vor diesem Hintergrund verwundert es, dass Europa den Parallelhandel unter dem Deckmantel der Handelsfreiheit erlaubt. Parallelhandel bietet kaum Nutzen für Sozialversicherungssysteme, aber große Gewinne für die Handeltreibenden, während er zugleich das Risiko von Fälschungen erhöht, da das Umverpacken unserer Produkte unsere Möglichkeit zur Chargenverfolgung zunichte macht.

Dies sind nur einige der Herausforderungen, denen sich die europäische Pharmaindustrie gegenübersieht. Insgesamt sind diese Trends alarmierend. Wenn wir weiter diesen Weg verfolgen, wird die Pharmaindustrie in Europa irreversibel geschädigt. Und diejenigen von uns, die in 20 Jahren noch leben, werden fragen: Wie konnte das nur geschehen? Dies sollte ein Alarmsignal sein für alle Interessenpartner und „Mitspieler“ – und insbesondere unsere politischen Führungskräfte –, denn auf dem Spiel steht die Gesundheit und der Wohlstand von Europa.

Um dieser Entwicklung Einhalt zu gebieten, müssen wir uns meiner Ansicht nach vordringlich auf zwei Schwerpunkte konzentrieren:

  • Ein Schwerpunkt ist die Erneuerung des Ansehens unserer Branche und die Einsicht, dass wir bei unseren Interessengruppen an Vertrauen eingebüßt haben.
  • Zum anderen müssen wir darauf hinwirken, dass die richtigen Rahmenbedingungen in Europa zur Unterstützung pharmazeutischer Innovationen geschaffen werden.

Hinsichtlich des Vertrauens müssen wir als Branche eingestehen, dass sich unser Image in Europa und auch weltweit im Laufe der Jahre verschlechtert hat. Als Branche müssen wir einräumen, dass diese Verschlechterung zu einem großen Teil selbst verschuldet ist.

Als Präsident der EFPIA versichere ich Ihnen, dass wir uns dafür einsetzen, das Vertrauen unserer Interessenpartner neu zu gewinnen und ihre Belange ernst zu nehmen. So haben wir beispielsweise in den letzten Jahren strenge Verhaltenskodizes für die Marketing-Praxis und für den Umgang mit Patientenorganisationen verabschiedet, ferner haben wir die Transparenz von klinischen Studiendaten erhöht, gleichfalls haben wir beträchtliche Investitionen in die F&E von neuen lebensrettenden Arzneimitteln - auch für bisher weitgehend außer Acht gelassene Krankheiten - getätigt und uns mit wichtigen Interessenpartnern zusammengetan, um den Zugang zu Medikamenten in den Entwicklungsländern zu verbessern. Und wir sind entschlossen, noch mehr zu tun, und bitten Sie um Ihr ehrliches Feedback zu unseren Fortschritten, so dass wir auch weiterhin Ihr Vertrauen zurückgewinnen und eine konstruktive Beziehung aufbauen können.

Doch der Aufbau einer konstruktiven Beziehung ist ein auf Gegenseitigkeit beruhender Prozess. Die Rahmenbedingungen in Europa müssen verbessert werden, damit unsere Branche wettbewerbsfähig bleiben kann.

Erstens benötigen wir einen besseren Zugang der Patienten zu neuen Medikamenten. Die Pharmaindustrie ist wahrscheinlich der am stärksten regulierte Wirtschaftszweig. Unsere Arzneimittel müssen höchste Standards erfüllen. Wir müssen dennoch weiter mit den Zulassungsbehörden daran arbeiten, unnötige Komplexität abzubauen, die zu steigenden F&E-Kosten und Verzögerungen bei der Einführung neuer Produkte auf den Markt führt. Zwischen der Gewährleistung höchster Produktsicherheit auf der einen Seite und dem raschen Zugang der Patienten zu lebensrettenden Arzneimitteln auf der anderen Seite muss die richtige Balance gefunden werden.

Wenn wir über Zugang sprechen, müssen wir auch darauf achten, dass die Gesundheitstechnologiebewertung (Health Technology Assessment = HTA) nicht von Regierungen als Mittel zur Beschränkung des Zugangs missbraucht wird. Die Pharmaindustrie spricht sich für die HTA aus; diese sollte jedoch dazu genutzt werden, Erfolg versprechende neue Arzneimittel schneller auf den Markt zu bringen - und nicht eine Hürde für den Marktzugang darstellen.

Zweitens brauchen wir eine faire Honorierung von Innovationen – auch von stufenweise erfolgenden Innovationen. Diejenigen, die den Nutzen sogenannter „me-too“-Präparate in Frage stellen, möchte ich daran erinnern, dass pharmazeutische Innovationen oft aus einer Reihe sukzessiver kleiner Schritte und nicht aus einem Quantensprung entstehen. Spektakuläre Durchbrüche bei pharmazeutischen Innovationen sind das Ergebnis des gesamten Wissens, das aus diesen inkrementellen Schritten gewonnen wird.

Drittens brauchen wir einen starken Schutz für geistiges Eigentum. Ohne Patentschutz gäbe es keinen Anreiz für Unternehmen, in den sehr aufwendigen und risikoreichen Prozess der Entwicklung neuer Arzneimittel zu investieren. Vergessen wir nicht, dass von 10.000 getesteten Molekülen vielleicht nur eines zugelassen wird und auf den Markt kommt. Und auch dann erwirtschaften nur 3 von 10 Arzneimitteln auf dem Markt Erträge, die über den durchschnittlichen F&E-Kosten liegen.

Viertens muss Europa die richtige Balance finden zwischen der Honorierung von Innovationen, der Sicherstellung des Patientenzugangs zu Arzneimitteln und dem Kostenmanagement von Gesundheitssystemen.

Regierungen müssen schwierige Entscheidungen treffen und Prioritäten festlegen. Das heutige Denken ist leider nur auf die Suche nach kurzfristigen schnellen Lösungen ausgerichtet: destruktive Maßnahmen zur Kostendämmung wie Jumbo Groups, die Innovationen behindern, und ständig im Fluss befindliche Gesundheitsreformen, die zu fehlender Sicherheit bei der mittel- und langfristigen operativen Planung von Unternehmen führen.

Wir verstehen durchaus, welche Herausforderung die Kontrolle steigender Gesundheitskosten für unsere Regierungen darstellt. Dennoch hoffen wir sehr, dass sich die Diskussion weg von den Kosten für Arzneimittel hin zum Nutzen für Patienten und zum Wert von Arzneimitteln verlagert.

Meine Damen und Herren,

Wer mich kennt, weiß, dass ich von meinem Naturell her Optimist bin. Auch wenn ich ein düsteres Bild von der aktuellen Lage unserer Industrie in Europa gezeichnet habe – weil es meines Erachtens wichtig ist, dass wir die großen Herausforderungen begreifen, vor denen wir alle stehen – so möchte ich doch mit einem optimistischeren Ausblick schließen.

Ich freue mich, dass ich Sie heute auf eine neue Initiative aufmerksam machen kann, die dazu beitragen könnte, dass Europa seine Position in der vordersten Reihe der innovativen Arzneimittelforschung wieder erlangt.

Die Innovative Medicines Initiative, die Ende dieses Jahres anlaufen wird, ist eine einzigartige Partnerschaft von öffentlicher und privater Hand, die gemeinsam von der Europäischen Kommission und dem europäischen Dachverband der Pharmaindustrie mit dem Ziel konzipiert wurde, die biomedizinische Forschung in Europa voranzutreiben.

Die Initiative wird Forschungsprojekte finanzieren, die wesentliche Engpässe bei der Entdeckung und Entwicklung von neuen Arzneimitteln angehen, z. B. die Prognose der Arzneimittelsicherheit und -wirksamkeit und das Schließen von Lücken im Bildungs- und Ausbildungsbereich. Die Initiative wird mit 2 Milliarden Euro über einen Zeitraum von sechs Jahren finanziert, die sich die EU und die Industrie teilen.

Mit der IMI haben wir eine einmalige Chance, die kritische Masse für Forschung und Innovation in Europa zu erreichen, so dass bessere und sicherere Medikamente für Patienten schneller verfügbar werden können. Die IMI kann beweisen, dass wir wirklich etwas bewegen können, wenn wir uns zusammenschließen und an einem Strang ziehen.

Meine Damen und Herren,

Die Uhr läuft. Beim EU-Gipfel in Lissabon wurde das Ziel formuliert, Europa bis zum Jahr 2010 zum leistungsfähigsten und dynamischsten wissensbasierten Wirtschaftsraum der Welt zu machen. Wir dürfen dieses Ziel nicht aufgeben, selbst wenn es 5 oder 10 Jahre länger dauert.

Unsere Branche hat beste Voraussetzungen, zu dieser ehrgeizigen Agenda beizutragen. Wir benötigen jedoch die richtigen Rahmenbedingungen, damit wir im Innovationswettlauf bestehen können.

Wir wollen, dass Europa seine führende Position im Bereich der pharmazeutischen Innovation im Interesse der Gesundheit und des Wohlstandes der 500 Millionen Bürger Europas und zum Wohle aller Menschen in unserer Welt zurückgewinnt.

ICH DANKE FÜR IHRE AUFMERKSAMKEIT.

Foto: Arthur J. Higgins, Vorsitzender des Bayer HealthCare Executive Committee

Arthur J. Higgins, Vorsitzender des Bayer HealthCare Executive Committee

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